Rezension

Treffsichere Satire und intelligente Gesellschaftskritik

Every (deutsche Ausgabe) -

Every (deutsche Ausgabe)
von Dave Eggers

Bewertet mit 5 Sternen

Zuerst einmal muss gesagt werden: Ich bin wirklich sehr begeistert von Eggers neuestem Werk! Das ist treffsichere Satire und intelligente Gesellschaftskritik vom Feinsten.

Ich habe vor der Lektüre von Every den Circle gerereadet und es war für mich ganz erstaunlich, wie nahtlos Every an den Circle anschließt.
Dave Eggers ist einer meiner Lieblingsautoren, ich kenne schon einige seiner Bücher und finde seinen Schreibstil und seine Ideen unsere Welt weiterzudenken wahnsinnig faszinierend. Er hat so eine leichte, lockere Art zu schreiben, verpackt dabei aber tiefe Gedanken und viel Kritik. Dabei schreibt er mit einem gewissen Augenzwinkern, nimmt seine Figuren teilweise nicht so ernst wie sie sich selbst, meint den Inhalt aber todernst.

Eggers treibt es auch bei seinen neuesten Figuren wieder auf die Spitze. Sie "füttern das System mit schlechten Ideen" bis es kotzt. Aber es kotzt nicht. Es frisst fröhlich weiter und schreit "Mehr, mehr!" Eine App, die Depressionen heilen soll, indem sie Menschen an den Bildschirm knechtet; eine App, die sagen soll, ob einem das Essen schmeckt, ob der Sex gut war, ob man glücklich ist... Ich hatte beim Lesen ständig Gänsehaut.

Schon beim Circle haben sich viele beschwert, dass die Figuren keine Tiefe habe, dass sie zu naiv etc. sind, aber genau das ist meiner Meinung nach sinnvoll und notwendig um darzustellen, wie "flach" das Leben im Circle ist. Alle machen das Gleiche, alle denken das Gleich, alle bewerten sich gegenseitig und der Algorithmus hält das alles in einer ordentlichen Balance. Ausschläge nach oben oder unten sind nicht gewollt. Eggers führt diese Figurenzeichnung auch bei Every konsequent weiter. Dass er auch anders kann hat er mit Josie aus "Bis an die Grenze" aufs Feinste bewiesen.
Doch das hier ist kein psychologischer Roman, der die Tiefen seiner Figuren aufzeigt und ihre Handlungen in allen Facetten beleuchtet. Es ist ein Systemroman, die Figuren und psychologischen Befindlichkeiten sind alles reine Schachfiguren und -züge. Dave Eggers geht es um das Aufzeigen von Zuständen.

So einen Roman zu schreiben ist große Kunst. Überzogene Satire bis Ultimo, und dennoch wird uns der Spiegel vorgehalten. Große Empfehlung!